Alea iacta est – Vom gefallenen Speckwürferl

An der Türschwelle am Weg von der Küche ins Wohnzimmer bemerkte ich unter meinem rechten Hauspatschen eine kleine, aber trotzdem merkliche Erhebung etwa in der Mitte des allgemeinhin als Fußgewölbes bezeichneten Bereichs, welcher bei mir allerdings nach Plattfußmanier eher klassisch abgesenkt ausfiel. Meine bisherige Lebenserfahrung interpretierte diese Unebenheit dahingegen, dass hier wohl etwas an der Unterseite meiner Schuhsohle kleben musste. Dies kam leider öfter vor und ich hasste es, denn das am Fuß, Schuh oder Socken klebende Objekt (,bisher glücklicherweise noch kein Subjekt,) hielt mir stets vor Augen, dass ich eine schreckliche Hausfrau war und dringend öfter zumindest Staubsaugen bzw. Staubkehren sollte. Auch, wenn ich es nicht wahrhaben wollte, ich war schon immer unordentlich gewesen und ließ vieles stehen und fallen, wo es sich gerade anbot, auch wenn es nicht viel mehr Aufwand und Energie kostete, die Dinge an ihren tatsächlich zugewiesenen Platz zu bringen; aber trotzdem war ich meist zu faul und es war mir auch egal. Es war mir immer egal, bis eine gewisse – objektiv gesehen vermutlich sehr hohe – Dreckigkeitsschwelle überschritten war. Dann konnte es ganz schnell gehen. Bereits kurz bevor diese erreicht wurde, machte sich immer schon eine innere Unruhe und Gereiztheit bemerkbar. Bis ich gleich einer Bombe dann schließlich in einem Wutausbruch explodierte, anderen Leuten im Haushalt ebenfalls – zumindest teilweise berechtigt – ihre Unordentlichkeit an den Kopf warf, und dann alles gründlichst bis zur schmalsten Fuge hinterm Badeschrank reinigte. Ich war immerhin auch eine Perfektionistin. Jedenfalls wollte ich niemals daran erinnert werden, dass bei mir ein gewisser Hang zum Messietum bestand, deshalb war meine innere Reaktion auf das auf einen dreckigen Küchenboden deutende Objekt auch nicht erfreulich und neben der Wurstigkeit, da für mich persönlich momentan die kritische Dreckigkeitsschwelle noch lange nicht erreicht war, was aber vielleicht auch damit zusammenhing, dass ich in letzter Zeit im Haus keine Brille mehr trug, schwang auch noch ein bisschen Wut auf den Dreck, der sich erlaubte, hier ohne Miete zu zahlen oder im Haushalt mitzuhelfen auf der faulen Haut am Boden zu liegen, mit. Gerne hätte ich den blinden Passagier auf meiner Sohle ignoriert, aber sollte es sich um etwas Klebriges handeln, war es erfahrungsgemäß schlauer, gleich zu reagieren. Widerwillig hob ich also mein rechtes Bein ganz nach Flamingo-Façon und fand ein 0,5 cm3 Speckwürferl annähernd in der Mitte der Sohle picken. Ein Zeitzeuge des vorgestrigen Abendmahls: Schupfnudeln mit Zwiebeln, Schafskäse und Speckwürfeln. Erfreut, dass es getrockneter Speck und nicht etwa ein Stück klebriger Datteln, oder saftiger Tomaten war, entfernte ich den kleinen Würfel mit einem routinierten Handgriff, beäugte das wunderbar aromatische, salzige Teilchen, den Gefallenen, dessen Packungsgefährten nicht allzu lange Zeit zuvor noch meinen Gaumen erfreut hatten, und an dessen Oberfläche nun aber Staubpartikel und diverse nicht Speck-endemische Mikroorganismen hafteten, bevor ich ihn in den gleich in Reichweite befindlichen Mülleimer mit meinem unbespeckten linken Fuß einen sanften Öffnungstritt auf sein Pedal verpasste und das Speckwürfelchen in den Tiefen des geöffneten Rachens des Eimers versenkte. So nahm dieser kleine Teil eines unbekannten Schweines sein trauriges, unnützes Ende. Vom Nutz- zum Unnutztier. Alea iacta est. Damals, als 10-jähriges Mädchen (vor 20?!! Jahren), als ich auch noch Vegetarierin war, hätte mich der Gedanke an sinnloses Tiersterben fertig gemacht. Und nachdem ich einige Stunden tränenvergießend in Embrionalstellung im Bett liegend verbracht hätte, hätte ich vermutlich wieder einmal ein Empörungsschreiben an die Regierung, die Landwirtschaftskammer, den Bauernbund und die Redaktion der Kronenzeitung verfasst. Verfasst wohlgemerkt, nicht abgeschickt! Auch die Schreiben an die kanadische Regierung zur Rettung der Babyrobben, an die spanische Regierung zur sofortigen Einstellung der Stierkämpfe und an die französische Regierung zum Verbot der grausamen Herstellungspraxis von Gänsestopfleber liegen noch unkuvertiert und unfrankiert in meiner Nachtkästchenschublde in meinem ehemaligen Kinderzimmer, da ich solche und auch sämtliche andere Schreiben bis zum Ende des Studiums stets auf dem Bett und niemals am Schreibtisch verfasst hatte. Leider sank, nachdem ich mir die Wut und Empörung von der Seele geschrieben hatte, stets die an diesen Wutpegel gekoppelte Motivation, die Briefe auch tatsächlich abzuschicken. Um meine Faul- und Feigheit vor mir selbst zu verschleiern, malte ich mir Szenarien aus, die eintreten könnten, sollte ich die Briefe auch wirklich absenden. Dass ich als Unruhestifter, womöglich gar Staatsfeind, indexiert werden und vorsorglich „zum Schweigen“ gebracht werden könnte oder dergleichen beruhigte mein Gewissen, den Gang zur Post nicht gewagt zu haben, ungemein. Wie vermutlich in allen Kindern, schlummerte auch in mir eine kleine Greta Thunberg, doch eine antriebslose, die ständig wieder einnickte, und die ich nun schon seit Jahren nicht mehr weckte, damit sie sich endlich mal richtig ausschlafen konnte. Heutzutage, zahlreiche weggeworfene Tierreste später, war ich bereits so abgebrüht, dass der entwertete, ungenutzte gepökelte und getrocknete Schweinewürfel keinerlei Tierschutz-motivierte Emotionen mehr hervorrufen konnte. Vermutlich war es auch keine Abgebrühtheit, sondern ein als solche getarnter psychologischer Schutzmechanismus, den jede erwachsene Person, die psychologisch als „gesund“ gelten möchte, ab einer gewissen Lebenszeit erlernen muss. Deshalb bestärkte ich mich in meiner emotionalen Rohheit dem Schwein gegenüber: Die Würfel waren für das Schwein leider ohnehin schon lange bevor sie auf meinen Küchenboden landeten, gefallen gewesen.

Düstere Themen erfordern düstere Melodien: „The Walk“ vom Speckwürferlfan R.M. aka Karatekid Roland aka Ghost Gang mit einer stimmungsgerechten Videokreation von Dr. Iegler.

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