O’zapft is!

Schon als Kind hatten mich am Waldweg liegende Fichtenzapfen immer extrem an Scheißwürste erinnert. Alleine der Anblick: Die Form – meist gerade, manchmal aber auch mit einer geschmeidigen Biegung – in Kombination mit der Farbe – manche Zapfen waren heller, also eher diarrhöisch gefärbt, manche sehr verstopft-dunkel – machten es mir schwer, einen Fichtenzapfen NICHT als Abbild eines Exkrements zu betrachten. Ich dachte mir damals, dass das jeder so empfinde und es nur niemand aussprechen wollte, da Fäkaltalk in den meisten Gesprächsrunden sehr unpassend war, man sich für die Fichten ein bisschen fremdschämte und diese gleichzeitig aber auch nicht bloßstellen wollte, da sie ja nichts dafür konnten. Basteleien mit Fichtenzapfen oder auch Zapfenschlachten im Wald sah ich stets als Test beziehungsweise Mutprobe. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich mich gar nicht mehr an einen Zeitpunkt zurückerinnern, an dem ich Fichtenzapfen nicht mit Fäkalien assoziierte, die Verbindung musste ich quasi beim ersten Anblick eines Fichtenzapfens bereits gehabt haben. Ich musste wohl damals auf die Fichtenzapfen, die an diesem Tag sicherlich in rauen Mengen, teilweise schon fast aufeinandergetürmt am Boden gelegen waren, geblickt haben und mir innerlich gedacht haben: Ich sehe, ich verstehe und ich werde schweigen.

Auch heute hatten die Fichten wieder massenhaft auf den Waldweg herabgekackt. Es war ein herrlich milder Sonntag, im letzten Märzwochenende dieses Jahres. Mit ernster Miene und latentem Ekelgefühl musterte ich das Naturschauspiel, welches sich zu meinen Füßen darbot. Schon alleine das Wort „Zapfen“ erweckte in mir unwiderruflich recht bilderreiche Assoziationen mit dem After. Und das, obwohl ich mich nicht einmal daran erinnern konnte, jemals eines davon „verpasst“ bekommen zu haben. Am Widerlichsten waren die teils abgeknabberten Zapfen, derer sich die Fichte schon vor Tagen, wenn nicht Wochen oder gar Monate entledigt hatte, und deren Farbe schon ins Graue überging. Solch ein Anblick ließ mich innerlich jedes Mal schaudern. Ein betagteres Pärchen kam mir entgegen. Sie gingen untergehakt, quasi miteinander verlinkt, und strahlten zusammen eine angenehme Ruhe und Zufriedenheit aus, auch wenn – beziehungsweise vielleicht auch gerade weil – sie dabei kein Wort wechselten. Der Blick der Frau schweifte über den Boden. Über Kies, dünne Aststückchen und diese widerlichen Zapfen, und traf schließlich meinen Blick. Und was nun geschah, brachte mein bisheriges Weltbild zum Wanken. Sie grüßte mich und lächelte dabei herzlich und unaufgesetzt. Wie war das in dieser Situation möglich? Hatte sie denn schon vergessen, was sie in der vergangenen Sekunde gesehen hatte? Ich versuchte, diesen ehrlichen Gruß zu erwidern, doch der Gedanke an den mit Kotzapfen gepflasterten Weg war noch zu frisch, ich musste mein Lächeln erzwingen. Wie in aller Welt, dachte ich mir, als der Abstand zu den beiden genügend groß geworden war, dass ich mir sicher sein konnte, dass sie meine Gedanken nicht hören konnten, wie in aller Welt also konnte die Frau so frei und unbefangen lächeln? Entweder, sie war eine verdammt gute Schauspielerin, oder sie hatte den Zapfen zwar gesehen, aber sie hatte ES nicht gesehen. Vielleicht hatte sie es noch nie gesehen? Möglicherweise gab es noch andere Menschen, die es noch nie gesehen hatten… Die gesamte Dauer des restlichen Spaziergangs kreisten derlei Fragen in meinem Kopf umher. Die entspannende Wirkung meines feinen Sonntagsspaziergangs konnte ich mir in die Haare schmieren, so zen war ich noch nicht, als dass ich diese Gedankenlast einfach abschütteln konnte. Ich entschied mich für eine Abkürzung, um schneller wieder Zuhause zu sein. Dort angekommen fragte ich Heribert sofort, woran er denn denke, wenn er an Fichtenzapfen denke. Als ich ohne irgendein Zögern oder Überlegen die Antwort „Eichhörnchen“ hörte, fiel es mir wie Fichtenzapfen-Schuppen von den Augen; heute, etwa 25 bis 30 Jahre später, wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich all die Jahre in der Blase einer selbstkonstruierten Verschwörungstheorie gelebt hatte.

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