Midlife-Crisis-Frauen-Pop

Stets im Schatten der ganz Großen wie Jane Austen oder Virginia Woolf hat Großbritannien noch weitere Frauen hervorgebracht, deren Worte mich von Frau zu Frau magisch berühren. Untrennbar von der Britischen Hochkultur um die vergangene Jahrtausendwende ist etwa der Name Dido. Als ich letzte Woche im Supermarkt kurz vor Ladenschluss das Nusssortiment auf der Suche nach Pimp-Material für mein morgendliches Porridge musterte, stiegen Tränen in meine Augen und verwässerten mir die Sicht auf den Walnusspreis. Unglaublich! Es war sicher 15 Jahre her, seit ich dieses Lied, das leise durch die Supermarktgänge zog, zuletzt gehört hatte. „Here with me“ von Dido. Gänsehautmusik, wie man so hässlich sagt. Denn auch, wenn optisch passend, wenn es einem aufgrund intensiver Sinnesreizungen „die Haare aufstellt“, ist Gänsehaut ja eigentlich der Hautmantel eines toten Tieres, das eigentlich gar keine Empfindungen mehr verspürt, auch nicht, wenn ihm David Garrett höchstpersönlich ein Privatkonzert vorgeigen würde. Die gerupfte, kalte Gänsehaut ist also ein Bild, welches ich ungern mit ergreifender Musik koppeln möchte. Jedenfalls fühlte ich mich sofort ergriffen, mit einer kalten, festen Hand am Nacken gepackt und ins Ende der 90er zurückversetzt, in der noch keine Spur von Verbitterung in mir gewesen war und ich mit diesem Lied die Hoffnung auf kompromisslose Liebe, ein Leben bestimmt von Idealen und geleitet von leidenschaftlichem Handeln verband.

Zuhause angekommen warf ich die YouTube-Maschine an und ließ mich von einer Dido-Playlist anders wie geplant nicht nebenbei berieseln, sondern regelrecht in den Bann ziehen und schenkte ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Frau von so vielem sang, das mich beschäftigte. Besonders „Life for Rent“ hatte es mir an diesem Tag angetan. Vergleichsweise langweilig fand ich diesen Song damals, als er 2003 veröffentlicht wurde, doch nun fand ich ihn … genial? Dieses Gefühl, sich nun einmal für einen Weg entscheiden zu müssen, sich festlegen zu müssen, um Halt zu finden und ein wirklich eigenes Leben aufbauen zu können. Dido was there und fand einen tollen Vergleich. Ein Blick in Disko- und Biografie verriet mir und machte mir einiges klar: Auch Dido war zum Zeitpunkt der Songveröffentlichung mit 31 Jahren eine kinderlose WTF, eine white thirtysomething female. Schade nur, dass heutzutage die Kaufpreise derart hoch sind, dass sich die meisten gar nichts Eigenes mehr leisten können oder wollen und lieber ein Leben lang bei der Mietoption bleiben.

Ein weiteres weibliches Parade-Weißbrot, oder – wie mein Großvater aus heutiger Sicht politisch unkorrekt gesagt hätte – ein „Topfenneger“, war und ist auch die ebenfalls in England aufgewachsene Natasha Bedingfield, die etwas frühreif schon mit guten 25 Jahren solide WTF-Klassiker raushaute, was mir erst bewusst wurde, als mir bei den weiteren Empfehlungen bei meinen Dido-Songs ihre Lieder vorgeschlagen wurden. Diese ihrem zarten Alter zu verdankende, gewisse Prise jugendlichen Optimismus merkt man ihren Songs auch an, ihr Blick ist noch durchwegs positiv, mit ihrer „Tasche voll Sonnenschein“ alle Hindernisse und Widrigkeiten des Lebens überkommen und „ihr Ding“ durchziehen zu können. Uncoole Feelgood-Musik für ein uncooles Alter! Klare Empfehlung!

Bleiben wir thematisch doch gleich auf den Britischen Inseln! Etwas, das mir auch in den letzten 5-7 Jahren vermehrt an mir aufgefallen ist: Meine Stimmung ähnelt immer mehr dem Wetter Irlands. Umschwünge können innerhalb von Minuten bishin zu Sekunden vonstatten gehen. Diese werden vor allem von mir nahestehenden Personen, insbesonders von Partnern aus einer enormen inneren Ungeduld heraus getriggert. Vom Bauchgefühl her habe ich das bisher vor allem den Hormonen zugeschrieben, die möglicherweise in veränderten Zusammensetzungen verstärkt und/oder in geringerem Maße ausgeschüttet werden, je mehr man „reift“. So wie eine Banane, zuvor grün, durch selbst produzierte Reifungsgase immer aromatischer und satter gelb wird; und ehe man’s übersieht, ist sie sensorisch schon „drüber“ und optisch unattraktiv, weil massivst braungefleckt. Grundsätzlich ja kein Problem, man kann ja immer noch Bananenbrot daraus machen, aber genießbar im Sinne von Genuss ist eine braune Banane nach meinem Geschmack nicht mehr wirklich. Nicht mehr ganz genießbar ist auch manchmal meine Stimmung, um den Gedankenkreis von Frauenhormone über Bananen wieder auf das Frausein zurückzuführen. Ich frage mich oft, woher diese Unausgeglichenheit kommt und ob das hormonell bedingte Bananengleichnis stimmt und mein Körper möglicherweise nur angepisst ist, weil er sich monatlich die Arbeit antut, alles für ein potentielles Leben einzurichten und ich diese Arbeit seit Jahren partout nicht zu würdigen weiß. Meredith Brooks‘ „Bitch“ erweckt zumindest den Eindruck, dass auch sie an gröberen Stimmungsschwankungen zu leiden hatte. Zum Zeitpunkt der Single-Veröffentlichung im Jahre 1997 war die liebe Meredith übrigens 38 Jahre alt und hatte noch keine Kinder. Zufall oder ein weiteres Indiz für die Bananenhypothese aka dem Weckruf der inneren Hormon-Uhr? Wie auch immer, aus heutiger Sicht scheint ein Song, der eine Frau als Bitch bezeichnet möglicherweise etwas gewagt, da die Kommentare bei diesem Musikvideo aber deaktiviert wurden, um feministische Anfeindungen gegen die Sängerin aufgrund der Titelwahl vorzubeugen (not… ?), stören wir uns aber nicht weiter dran, denn wo kein Kläger auf YouTube, da kein Richter. Aber immerhin: Eine Grammy-Nominierung als „Beste weibliche Rocksängerin“ für einen mit „Bitch“ betitelten Song – Isn’t that ironic?!

Apropos: „Ironic“ ist auch so ein Song, den ich als Jugendliche in der Dorfdisko sehr gerne mitgegröhlt habe, den Text zwar schon immer verstanden habe, aber die wahre Bedeutung trotzdem erst heute fühle. Der Song hört sich aus heutiger Sicht wie eine Abwandlung des beliebten Trinkspielklassikers „Never ever have I“, bei dem man jedes Mal trinken muss, wenn einem das Leben schon einmal eines der von Alanis Morisette aufgezählten Stolpersteine in den Weg gelegt hat. Stockbetrunken wie damals in der Dorfdisko würde ich aus diesem Spiel hervorgehen…

Auf das letzte Video dieser unvollständigen 30er-Frauenthemen-Compilation machte mich eine fabelhafte Freundin aufmerksam, die sich so fühlte, als sänge ihr Nelly einen Schwenk aus ihrer Gedankenwelt vor. Ähnlich wie Dido zuvor, die mit ihrem Leben nur ein Mietverhältnis am Laufen hat, trällert Nelly von ihrer halt- und heimatlosen Seele, die frei wie ein Vöglein sich ständig nur für kurze Zeit niederlässt und dann wieder dahin ist. Aber Nelly wählt nicht den Depri-melancholischen Dido-Zugang zum Thema, sondern sieht’s ganz südländisch gelassen à la pfeif-drauf-Latella-Werbung.

Dass die Popsongs der 90er und 00er Jahre eine derartige Dichte an schon fast entwicklungspsychologischen Abhandlungen boten, dem war ich als Kind und Teenie nicht gewahr. Die Sinnsuche und Selbsterforschung mittelalterlicher Frauen der Moderne ist also nichts Neues und scheint sich in jeder Generation zu wiederholen. Der Zyklus des Lebens – aber wenigstens ist dies ein unblutiger.

Das goldene Kind, das aus Bronze war

Vielleicht hatte ich es bisher missverstanden; ein persönliches Symptom als eines einer gesamten westlichen Generation missinterpretiert. Das Gefühl, für mehr bestimmt zu sein, sich zu fragen, warum man nichts erreicht, obwohl einem doch alle Türen offen stünden und so viel Potential in einem schlummere. Ich dachte immer, dies sei auf das Internet als mundwässernde und neidfördernde Ausstellungsplattform zurückzuführen. Wo man sich auf Social Media Plattformen wie ein Scout auf die Suche nach dem idealen „Lebens-Model“ durch die teils sehr professionell inszenierten Portfolios aller möglichen Menschen und somit aller Möglichkeiten begibt und abwägt, welche Lebensentwürfe, Urlaubsziele, Fotospots oder Ähnliches für einen selbst passen könnten, immer den Ausgangsstatus des „Models“ miteinbeziehend und mit seinem eigenen vergleichend. Welch anderer Ort als das Internet hätte mich also auf eine alternative Fährte zur Herleitung des mutmaßlich Internet-induzierten Generationenunglücks unerfüllter Träume bringen können? Nämlich auf die, dass dieses in der Pubertät aufkeimende und nun in der Existenz als „fertiger“, ausstudierter Erwachsener immer mehr und vermehrt unkontolliert wuchernde Gefühl, auserwählt zu sein und doch eigentlich nicht zu wissen, wozu oder geschweige denn warum, schon in der Kindheit gesät worden sein könnte.

Mein Vater träumte immer davon, dass ich ein Tennis Star würde und er mein Manager. Bereits nach meiner ersten Tennisstunde, da ich mich anscheinend überdurchschnittlich geschickt – aber bei Weitem nicht phänomenal – angestellt hatte, erwähnte er dieses Ziel erstmalig und dann fast täglich. Als Kind konnte ich es nicht ganz einschätzen, ob es ernst gemeint war, oder nicht. Sein Gerede hatte aber sicher einen gewissen ernsten Kern, so wie mein Vater auch in Hoffnung auf das große Glück ernsthaft Lotto spielte. Immer, wenn ich mit ihm Tennis spielte, verhielt er sich wie mein Trainer und ärgerte sich merklich, wenn ich seine Inputs nicht gleich umsetzte. War ich vielleicht doch nicht so ein „Naturtalent“? Natürlich begann ich schnell, Tennis zu hassen und weigerte micht danach für Jahre, überhaupt wieder einen Schläger anzurühren. Auch das Wort „Vorzeigeschülerin“ hörte ich ständig, oder wie brav und gescheit ich nicht sei. Als ich nach 7 Jahren von ausschließlich „sehr guten“ Noten einmal einen „guten“ Erfolg nach Hause brachte, schämte ich mich und bekam auch nur zu hören, dass es nächstes Mal wieder ein „sehr gut“ werden sollte, weil ich das ja besser könne. Es stimmte zwar meistens, dass ich zu den Klassenbesten gehörte, oder Klassenbeste war, jedoch wollte ich das zuhause gar nicht erzählen, da sonst wieder darauf herumgeritten worden wäre und ich nicht das Gefühl hatte, dass es der Rede wert war, da ich kaum etwas dafür tat. Die Aussage, dass ich Teil der zukünftigen „geistigen Elite“ würde, war mir mehr als unangenehm. In meiner Freizeit zeichnete ich gerne und für ein Kind meines Alters auch ganz gut, wobei nicht außergewöhnlich. In diesem Zusammenhang hatte ich die Worte „große Künstlerin“ damals öfter gehört, bis ich eines Tages einfach zum Zeichnen aufhörte, da ich wie zuvor schon beim Tennis schnell das Spielerische vermisste und einen Erfolgsdruck verspürte.

YouTube’s Wege sind wie immer unergründlich: Als ich unlängst in meinen persönlichen Empfehlungen ein Interview mit dem laut Wikipedia Schriftsteller und Fernsehproduzenten, laut meiner Definition Philosophen Alain de Botton als potentiell interessant befand und anklickte, fand ich die von ihm behandelten Themen und insbesondere die Art, wie er sie mit seinem trockenen britischen Humor aufbereitete, sehr ansprechend. Einige Klicks und Clips weiter stieß ich dann auf den Videovorschlag hochgeladen von „The School of Life“, dessen Mitbegründer Herr de Botton war und ist und dessen Stimme mir über das „golden child syndrome“ berichtete (siehe eingebettetes Video unten). Es war beinahe wie Liebe auf den ersten Blick, nur halt eher Schmerz auf den ersten Klick. Die Schilderung des Syndroms kam mir aus autobiografischer Sicht sehr bekannt vor. Grob zusammengefasst geht es darum, dass nicht nur durch emotionale Vernachlässigung, sondern auch durch unangemessenes Lob und Hochstilisieren von Fähigkeiten und Potentialen eines Kindes dessen psychische Entwicklung Schaden nehmen kann. Wenn Kindern eine glorreiche, glänzende Zukunft vorausgesagt wird, ohne dass sie selbst das Gefühl haben, irgendetwas Besonderes zu tun oder zu sein, kann das im späteren Leben dazu führen, sich bei Erreichen von „durchschnittlichen“ Karriere- oder Lebenszielen als Verlierer zu fühlen. Oft jagen diese Kinder auch einem für sie vorausgewählten Ziel, welches von anderen für sie gesetzt wurde, nach, um ihre Anfeuerer nicht zu enttäuschen. Selbst wenn sie dieses Fremdziel erreichen, fühlen sie sich danach nicht glücklich, sondern meist unerfüllt und leer, da es nicht „ihr“ Ziel war und sie sich womöglich auch nie gefragt haben, was sie selbst denn wirklich für sich wollen und worin sie selbst ihr Potential sehen. Beim Ansehen des Clips sah ich auch einige Parallelen zum „Impostor syndrome“, bei welchem Betroffene sich als Betrüger wahrnehmen und in ständiger Angst leben, externe Ansprüche nicht erfüllen zu können. Sie befinden sich in ständiger Angst, dass „die Blase“ platzt. Denn sie nehmen wahr, dass das hochgelobte Fremdbild absolut nicht mit dem eigenen Selbstbild übereinstimmt, dass man eigentlich gar nicht so talentiert und perfekt ist, wie die anderen meinen und dies irgendwann ans Licht kommen wird. Emma Watson (aka „Hermine“ aus Harry Potter) ist laut eigenen Aussagen etwa so eine „Betrügerin“. Ich könnte mir vorstellen, dass auch sie mit ihrem exzellenten familiären und schulischen Hintergrund in ihrem Milieu den Aufwand für ihre Karriere als eher normal und durchschnittlich wahrgenommen hatte und ihren Erfolg dazu als überproportional empfand und dies zu ihrem „Beschwerdebild“ führte. Im Falle des „Imposter syndroms“ sind es aber auch Erwartungen und das Fremdbild von Menschen, die einem nicht wirklich kennen können. Beim „Golden Child Syndrom“ geschieht diese Überhöhung im Rahmen der Erziehung. Oft werden Talente im eigenen Kind gedeutet, die man selber gerne ausgelebt hätte, eigene Wünsche für die eigene Zukunft auf den Nachwuchs projiziert. Auch wenn es gut gemeint ist, wenn man dem Kind nur Mut machen möchte, so kann dies eigentlich nur passieren, wenn man sich keine Zeit nimmt, die Fähgikeiten und Interessen des eigenen Kindes tatsächlich zu hinterfragen, zu schauen, wann ein Lob und in welchem Ausmaß angebracht ist. Wenn man sein Kind also nur oberflächlich kennt und sich nicht mit ihm beschäftigt. Ist das im Grunde nicht auch eine Art von emotionaler Vernachlässigung, denn auch hier findet das Kind kein wirkliches Gehör und wird verkannt?

Als ich ein Kind war, hatte ich – etwa bei Fernsehübertragungen von Sportveranstaltungen und den darauffolgenden Siegerehrungen – teilweise Probleme, Gold und Bronze farblich auseinanderzuhalten. War es denn Bronze oder doch Gold mit einer rötlichen Patina? Vielleicht ist meinen Eltern derselbe Fehler unterlaufen, vielleicht schien ihnen ihr bronzenes Kind aus der Ferne, aus der sie es betrachteten, wirklich golden.

Arrogantes, ermüdetes Kind, gemütlich auf einem Säckchen Froot Loops sitzend, in seinen guten Schuhen auf den nächsten Regenguss wartend.