Highway to Hell-lene

Hier war ich also, hinterm Steuer meines Autos, mit zwei fremden Riesenkatzen, eine davon hyperventilierend und den extrem stark tränenden Äuglein nach zu urteilen möglicherweise sogar weinend in einer Transportbox am Beifahrersitz, und die zweite herzzerreißend miauend mit weit aufgerissenen Augen in einer Transporttasche zu Füßen des Beifahrersitzes. Und noch eineinhalb Stunden Fahrzeit vor uns. Obwohl es mir Leid tat, dass ich mich nicht den beiden zuwenden konnte, um sie zu beruhigen, da ich mich auf den Verkehr konzentrieren musste, war ich bereits nach 15 Minuten Autofahrt doch froh darüber gewesen, nicht – wie ursprünglich kurz angedacht – den Zug genommen zu haben. Ich hatte mir das in Gedanken recht romantisch ausgemalt: Meine Mutter hätte uns am späteren Nachmittag zum Bahnhof gefahren. Im Rucksack hätte ich meine eigenes Gepäck für den Kurzaufenthalt bei Meinen Eltern gehabt und in der rechten Hand hätte ich die türkise Transportbox, die ich von einer lieben Nachbarin geliehen hatte und in der sich die beiden Katzen, die ganz in Yin und Yang Manier ineinander eingekuschelt, zwar etwas ängstlich, aber einander gegenseitig Trost spendend, befanden. Ich hätte mich mit meiner freien linken Hand fröhlich winkend von meiner Mutter verabschiedet, sie hätte den Katzen und mir ebenfalls noch zugewunken und dann wären wir auch schon in den Zug gestiegen, wo wir einen Viererplatz nur für uns gehabt hätten. Die Fahrt wäre recht ruhig verlaufen und wenn doch eines der Kätzchen einmal sanft ein verängstigtes Miau hervorgestoßen hätte, hätte ich meinen Lyrikband kurz zur Seite gelegt, mich zu ihr zur Transportbox hinübergebeugt und sie mit einem liebevollen Blick durchs Gitter und einem sanften „Alles gut, Puppi!“ sofort beruhigt. Dann hätte ich mich wieder aufgesetzt, mit einem warmen Lächeln das freundliche und verständnisvolle Zunicken der mir schräg gegenübersitzenden älteren Dame erwidert und meinen Blick dann wieder durch das Fenster in die Ferne gleiten lassen, wo sich der Himmel am Horizont zuerst zart orange und dann immer kräftiger rosa gefärbt hätte. Die Realität spielte aber gerade in meinem Privat-PKW. Und darüber war ich gerade sehr froh, denn leicht hätte dieses utopisches Szenario – und die Wahrscheinlichkeit hierfür schätzte ich nun nach 15 minütiger Autofahrt deutlich höher ein – in einen Horrortrip umschlagen können: Zuerst einmal wären für den Transport der beiden monströsen Katzenexemplare ja schon mal zwei Transporteinheiten nötig gewesen, was es mir erschwert hätte, meiner Mutter zum Abschied zu winken und den Knopf zum Öffnen der Zugtüre zu betätigen, ohne eine der Boxen abzustellen und mir dabei möglicherweise einen Bruch zu heben, da die Viecher nicht nur massiv groß, sondern auch dementsprechend gewichtig sind. Dann wäre ich mit der riesigen Katze in der Katzenbox links und der noch riesigeren Katze in der Katzentasche rechts auf der Suche nach Sitzplätzen für quasi 3 Personen durch die schmalen Gänge der Waggons geschlurft, wobei mir – Corona sei Dank – dann doch im letzten Wagen noch ein freier Vierersitzplatz ins Auge gesprungen wäre, so ehrlich muss man in seiner dystopischen Einschätzung schon sein. Zumindest in der Regionalbahn zwischen Freistadt und Linz. Ich hätte einen Wollpulli angehabt und angesichts der körperlichen Strapazen hätte ich schon im ersten Waggon zu schwitzen begonnen und hätte meinen eigenen buttrigen Schweiß schon selbst gerochen. Während ich darüber nachgedacht hätte, hätte es auf einmal einen lauten Knack gemacht. Der Boden der linken Transportbox wäre durchgebrochen, durch den Riss wäre Urin getröpfelt, deren sich die riesige Katze vor Angst entledigt hätte und das alles untermalt mit ununterbrochenem hysterischen Miauen in Dolby Surround Sound, sodass ich spätestens in Lasberg des Zuges verwiesen worden wäre, wenn nicht irgendein Mitreisender zuvor die Notbremse betätigt hätte. Danke, da fuhr ich doch lieber mit dem Auto. Kurz war meine Anspannung verflogen, aber dieser beruhigte Zustand hielt nicht allzu lange an. Eine neue Miauz-Runde wurde angestimmt und der Langhaarige begann wieder zu hyperventilieren. Ich versuchte, ihm meinen rechten Finger zur Beruhigung durch das Sichtgitter zu stecken und stimmte „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ an. Weihnachtslieder strömten immer eine gewisse Geborgenheit aus, ich hoffte, dass die Katzen das genauso empfanden, auch wenn die Jahreszeit unüblich für derlei Tunes war. Es war immerhin noch Spätsommer. Plötzlich kam mir ein Gedanke: Was, wenn der Langzottel-Kater gar nicht aus Panik hyperventilierte, sondern wegen extremen Durstes hechelte, um seinen Körper abzukühlen?! Da ich selbst eher karge Körperbehaarung aufwies, wenn man‘s auf meine Gesamtkörperoberfläche hochrechnete, konnte ich das nicht beurteilen. Mir war warm, aber nicht heiß. Aber ich hatte aber auch keinen fetten Pelz übergezogen. Beflügelt von diesem Hoffnungsschimmer, die Situation könnte sich in wenigen Minuten in Nichts auflösen, aktivierte ich die Klimaanlage. Intensiviertes, panisches Miauen. Aja, da war ja was. Das Tosen des Gebläses erinnerte mich daran, dass ich die Klimaanlage eigentlich nie wieder einschalten wollte, weil der Lärmpegel unerträglich war. Und auf niedrigster Stufe würde es vermutlich eine halbe Stunde dauern, bis eine Abkühlung der Innentemperatur zu bemerken wäre. Bis dahin konnte die Katze schon TOT sein!!! Ich lies meinem Auto also die Fensterscheiben hinunterkurbeln, die Geräuschkulisse wuchs ins Unerträgliche an. Die Autobahn war nicht der richtige Ort, um mit meinem klapprigen Seat mit heruntergelassenen Fensterscheiben entspannt herumzucruisen. Lärmpegelmäßig fühlte es sich an, als befänden wir uns in der Mitte eines Tornados. Also selbstverständlich nicht im Auge, sondern inmitten der turbulenten Wirbelzone. Die Katzen empfanden das genauso und zeigten dementsprechende Reaktionen: Riesige Pupillen im Rahmen weit aufgerissener Augen, weiter intensiviertes Hyperventilieren/Hecheln und verzweifeltes Scharren an den Wänden der Boxen. Das Fenster musste augenblicklich geschlossen werden. Die einzige Option, die nun noch blieb, um ein eventuelles Verdursten der Hechel-Katze zu verhindern, war, so schnell als nur möglich zu halten. Nächster Rastplatz in zwei Kilometern. Ich umschloss das Lenkrad fester und setzte mich kerzengerade ans vordere Ende des Sitzes. Als wäre die Lehne frisch gestrichen. Das tat ich immer, wenn ich gestresst war. Endlich, die Ausfahrt. Gestoppt, Zündschlüssel umgedreht, Handbremse angezogen, abgeschnallt und schon kramte ich in meiner Tasche herum. Irgendwo musste eine Trinkflasche mit abgestandenem Wasser vom Vortag sein. Und im Kofferraum befand sich eine hellbraune Futterschüssel zwischen den beiden Katzenklos, eines mit und eines ohne Haube aka Dach, alles Zeug von der Vorbesitzerin. Wie MacGyver kam ich mir vor, als ich die beiden Komponenten – Wasser und Futterschüssel – zusammenführte. Würde mein genialer Plan aufgehen? Ich setzte mich zurück auf den Fahrersitz, versicherte mich nochmal, dass alle Türen wieder verschlossen waren und öffnete vorsichtig das Gittertürchen zum weinenden Flauschbausch-Kätzchen. Ich hielt ihm die Wasserschüssel vor die Schnauze, bespritzte es mit etwas Wasser, damit ich auch sicher sein konnte, dass es gemerkt hatte, was das für ein Zeug war, doch es trank nicht. Es wollte nur raus, raus aus dem Käfig. Vorsichtig, aber bestimmt drängte ich die Katze wieder zurück. Kein Durst also. Nachdem ich auch der Gigasize-Katze einen Schluck angeboten hatte, den auch diese verwehrte, setzte ich unsere Fahrt und der Fluffige sein panisches Hyperventilieren wieder fort. Eine Weile fuhren wir so in unserem Elend dahin. Bis sich plötzlich die Katzentransporttasche wild bewegte, ja, schon fast herumzuhüpfen begann. Ich versuchte es mit „Driving Home for Christmas“, doch diese Mitfahrgelegenheit kam offensichtlich schon zu spät: ein schwarzes Schnäuzchen und ein Ohr lugten schon hervor. Die Tasche war nur mittels Reißverschluss und am Ende, zum Absichern des Reißverschlusses, mit einem Klettverschluss zu schließen. Der Riesen-Kater hatte sich mithilfe seines Dickschädels ins Freie kämpfen können. Ich hätte die Tasche nochmal schließen können, jedoch hätte ich dann für mindestens 2 Sekunden den Blick auf die Straße verloren, deshalb entschied ich mich, der XXL-Katze freien Lauf zu lassen. Hoffentlich würde sie nicht durchdrehen und panisch vor meinem Gesicht, oder unten bei den Pedalen herumlaufen. Das Miauen ihrerseits erstummte. Neugierig kroch sie aus dem Fußraum des Beifahrersitzes hervor. Der flaumige Kater tobte und wütete mit seinen Pranken an der Gittertür. Ich beschloss, ihn auch frei zu lassen. Notfalls müsste ich sofort auf dem Pannenstreifen halten und versuchen, die Viecher wieder einzufangen. Und hoffen, dass sie nicht, wenn ich aus- oder einstiege, aus dem Auto sprängen. Beide hatten sich nun aus ihren Gefängnissen begeben und waren völlig verstummt. Neugierig und mit großen Augen musterten sie das Innenleben meines Autos, die vorbeischnellenden Autos und mich. Sie begannen, vorsichtig das gesamte Auto – Rückbank, Fahrerschoß, Kofferraumdeckelpodest – zu erkunden und wandten sich für Rückfragen manchmal an mich. Weder uns überholende Autos, noch hinter uns herfahrende Autos bzw. deren Fahrer schienen zu bemerken, dass hier freilaufende Katzen an Bord waren. Auch nicht, als die beiden sich wie die klassischen nickenden Hunde, die man als Kind immer bei Hut-Autofahrern hinter der Rückscheibe sitzen sah, positionierten. Ab und zu schob der Wuschelige noch Panik, da die anderen Autos so schnell und laut vorbeirasten, aber es war ihm sichtlich wohler, dass sich sein Käfig nun vergrößert hatte und rundherum Fenster hatte. So verbrachten wir die restliche Autofahrt und bauten langsam Vertrauen auf – man bedenke, wir kannten uns ja auch noch gar nicht. Es war eine Blindkidnapping-Aktion. Am Ziel angekommen wartete, nach der am Ende dann sehr idyllischen und harmonischen Autofahrt, eine letzte, große Herausforderung. Die Katzen waren nun frei und ich musste erstens aussteigen, ohne eine Katze flüchtig werden zu lassen, und zweitens beide Katzen wieder jeweils in ihre Box reinquetschen. Seltsamerweise ließen die beiden nun alles mit sich machen, ich hatte sogar die Autotüre offen und sie versuchten nicht, zu fliehen. Und da dieser Text allmählich in die Langweiligkeit abdriftet und schon fast zu lange für einen Blog-Eintrag wird, möchte ich hier enden. Das war der erinnerungswürdige Tag, an dem das Schicksal der Katzen besiegelt wurde und der Tag, an dem ich das Stockholm-Syndrom in der Praxis erleben durfte!

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